Bericht der Eltern Teil 2 PDF Drucken
Infos zu Wachkomapatienten - Infos zu Tobi
Geschrieben von: Helmut Kellndorfer   
Montag, den 25. Januar 2010 um 19:14 Uhr

Liebe Freunde von Tobias!

 

Anscheinend erwarten einige oder möglicherweise nicht wenige von Euch ein aktuelles Foto von Tobias. So ein Foto könnte – so klingt das leise durch – die Anteilnahme am Schicksal von Tobias lebendig halten oder ein Beleg dafür sein, dass es mit Tobias aufwärts geht.

 

Als wir uns Ende Mai d.J. mit Tobias auf dem Weg nach Hause gemacht haben, verabschiedete ich mich im Therapiezentrum mit den Worten „wir melden uns, wenn Tobias zum ersten mal wieder lacht“. Wir möchten diese Aussage auch auf das Foto-Ansinnen übertragen: bitte habt noch etwas Geduld, vielleicht ist es uns allen vergönnt, 2010 erstmals wieder einen lachenden Tobias zu erleben.

 

Andererseits: könnt Ihr Euch vorstellen, dass Ihr jederzeit die Möglichkeit besitzt, Tobias zum Lachen zu bringen? Nein? Dann besucht ihn doch (endlich oder endlich wieder)! Ihr werdet dann an seinen Augen sehen und spüren, dass Tobias mit dem Herzen lacht. Jürgen Fürstberger hat kürzlich im Gästebuch die Hoffnung ausgedrückt, dass es 2010 noch ein wenig besser für Tobias wird und er sich ohne Stress und Ärger voll und ganz auf seine Therapien konzentrieren kann. Sicher, die Therapien sind ein unverzichtbarer Teil eines Genesungsprozesses. Gerade im neuen Jahr wollen wir mit Tobias neue, zusätzliche Wege in der Therapie beschreiten. So hat uns eine Computer-Firma mittels PC-Augensteuerung gezeigt, wo Defizite bei der Blickfixierung von Objekten bestehen. Eine hierfür geschulte und erfahrene Therapeutin soll künftig gezielt daran arbeiten. Desweiteren sind wir mit einem Gehirnforschungs-Institut aus Stuttgart in Kontakt. Nach einer mehrmonatigen Vorlauf- und Vorbereitungszeit ist vorgesehen, dass von diesem Institut aufgrund eines in unserem Hause eigens gefertigten EEGs eine spezielle CD erstellt wird, die dann bei den manuellen Therapien unterstützend im Sinne einer Belebung und Neubildung von Gehirnverbindungen wirkt.

 

Therapien sind aber nur eine Seite der Medaille und sie können Tobias nicht Erinnerungsfragmente aus seinem Leben vor dem Unfall zurückgeben. Das können selbst wir Eltern nur eingeschränkt, weil Tobias die letzten 10 Jahre selbstständig und außerhalb des Elternhauses gelebt hat. In erster Linie könnt Ihr Freunde und Kollegen dies tun und gerade das ist es, was Tobias neben den Therapien wirklich voranbringen würde: Ihr alle könntet die so wichtige Brücke zwischen seinem früheren und jetzigen Leben sein. Ihr könntet ihm durch Erzählungen aus Eurem gemeinsamen Unternehmungen und Erlebnissen Impulse geben für die Bildung neuer Erinnerungsmuster und damit für die Bildung neuer, künftiger Denkstrukturen im Gehirn, das sich ja weitgehend wieder neu bilden Muss!

 

Ja, Ihr lieben Freunde von Tobias, so eine wichtige Rolle könntet Ihr im Gesundungsprozeß von Tobias spielen. Ihr alle könntet jene Therapeuten sein, die nichts kosten würden. Was Ihr allerdings bräuchtet, ist Mut. Mut zum kommen, Mut, ihn zu begrüßen, Mut in sein Gesichtsfeld zu treten, Mut ihm von früheren Erlebnissen und Begebenheiten zu berichten, Mut, ihm zu erzählen, was sich in Euren Leben seit dem Unfall getan hat. Wer diesen Mut aufbringt und damit bei sich Blockaden überwindet, wird vielleicht feststellen, dass das in anderen Lebenssituationen positiv fort wirkt.

Es bedarf keines Mutes, in lustiger Gesellschaft oder am Biertisch große Worte zu schwingen um die Lacher und Bewunderer auf seiner Seite zu haben. Zugegeben, Tobias hat sich dieser Seite des Lebens auch nicht verschlossen, aber noch viel mehr hat er versucht, hinter die andere Seite des Lebens zu schauen, um dort tiefgründigere Antworten zu finden.

 

Wir möchten dieses Thema mit einem Zitat von Goethe beenden: „Die Welt kann nur durch die gefördert werden, die sich ihr entgegen stemmen. Wer sich ihr anpasst, ist für alles tüchtige Leben verloren“.

 

Das zweite Thema das uns wichtig ist, ist das Thema Ärger und negative Erfahrungen, Jürgen hat uns hierzu das Stichwort gegeben. Natürlich sind alle, die irgendwie mit Tobias zu tun haben bestrebt, das Beste für Tobias zu geben. Nur – beispielhaft genannt - die eine Pflegeperson, kommt aus einem Pflegeheim und will natürlich viel oder alles von dem, was dort möglicherweise über viele Jahre praktiziert worden ist, bei Tobias einbringen – zum besten von Tobias, versteht sich. Eine andere wiederum kommt aus der Intensivstation eines Krankenhauses, auch sie will das dort gelernte und praktizierte bei Tobias einbringen – zum Besten von Tobias, versteht sich. Wieder eine andere hat vielleicht in einem für Tobias wichtigen Pflege-Teilbereich noch keine Erfahrung – trotzdem wird sie sich zum Besten von Tobias einbringen wollen. Zehn Pflegepersonen mit unterschiedlichen persönlichen Eigenschaften, mit unterschiedlichen fachlichen Qualifikationen, mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen wollen das Beste für Tobias. Ihr könnt Euch denken, diese Unterschiedlichkeiten gehen oftmals nicht spurlos an Tobias vorbei, auch wenn es immer gut gemeint ist. Aber dass alles Entscheidende ist, dass sie eines nie können werden – Eltern für Tobias sein. Und das sollen sie auch nicht. Was sie aber können und auch sollten, ist, zu akzeptieren, dass wir Tobias gegenüber eine besondere Verantwortung tragen, die sich nicht immer mit althergebrachten Mustern decken, dass es unsere Aufgabe ist, Tobias als Eltern beizustehen und immer dann zu schützen, wenn uns dies aufgrund verschiedener Situationen als notwendig erscheint. Wir denken, mit dem jetzigen Pflegedienst sind wir auf einen guten Weg, dass uns diese Elternrechte auch tatsächlich eingeräumt werden, ohne dass dies zu Stress für Tobias führt.

 

Wir wünschen Euch allen, dass Ihr im neuen Jahr gut voran kommt und gesund bleibt

 

 

Helmut und Berta Kellndorfer

 

Zitat des Tages

Immanuel Kant: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das erzogen werden muss.“
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